Holtensen

 Bevor die aus dem Tal zwischen Solling und Weper kommende Dieße rechtsseitig unterhalb von Markoldendorf in die Ilme mündet, durchfließt sie die Ortschaft Holtensen. Fruchtbare Ackerböden und ausgedehnte Wiesen machen die 555 ha große Gemarkung aus, wo sich unmittelbar im heutigen Ortsbereich schon in vorgeschichtlicher Zeit eine Siedlungsstätte befand. Außerdem stehen hier - ebenso wie im benachbarten Hullersen - die Verwitterungstöne des Lias-Tonsteins an. Sie wurden vertöpfert, wobei in Holtensen von 1716 bis 1773 ein Töpferei Gewerbe bestanden hat. Und die Wasserkraft der Dieße wurde zum Antrieb der am westlichen Ortsrand gelegenen Mühle genutzt. Neben diesen gewerblichen Einrichtungen und Nutzungen ist Holtensen seit jeher ein ausgesprochen bäuerliches Dorf gewesen.

Sicherlich seit dem 14. Jahrhundert wird hier ein kleines Kapellengebäude bestanden haben. Es steht auf der verbreiterten Dorfstraße und ist vom 17. bis 19. Jahrhundert so von Häusern eingebaut worden, daß nur die Südseite von einer Bebauung freiblieb. Bereits im Jahre 1594 umgebaut und von 1779 bis 1781 abermals erneuert, gehört das Holtenser Kirchengebäude zu den mehrgeschossigen  mittelalterlichen  Kapellen, die gleichermaßen als Andachtsraum, Speicher und

Wehrbau dienten. Die Kapelle in Holtensen besteht deshalb aus einem aus Bruchsteinmauerwerk aufgeführten Erdgeschoß und einem teilweise hölzernen Obergeschoß, das nachweislich als Lagerraum für Ernteerzeugnisse genutzt wurde, während sowohl die fast ein Meter starken Mauern als auch die beiden Scharten im massiven Teil des Obergeschosses auf den Wehrcharakter des Kirchengebäudes hinweisen. Dieser Kapellentyp ist im Niedersächsischen Bergland vielfach verbreitet, kommt im Einbecker Kreisgebiet aber nur in Holtensen und Eilensen vor.

Wie in Hilwartshausen, so hat sich auch in Holtensen die frühere politisch-territoriale Entwicklung nachteilig ausgewirkt und in Form der alten Ämtergliederung zu einer Zweiteilung des Dorfes geführt. Dabei gehörte der östliche Teil von Holtensen zum hannoverschen Amt Rotenkirchen, der westliche Teil dagegen zum hildesheimischen Amt Hunnesrück. Die Grenze zwischen beiden Ämtern verlief in gerader Nord-Süd-Richtung durch das Dorf und hatte zur Folge, daß es hier sowohl eine Doppelnumerierung als auch zwei Bauermeister (Gemeindevorsteher) gab. Zudem waren auch die Schulen getrennt: der westliche, hildesheimische Ortsteil besaß eine eigene Schule, während die östliche Dorfseite zur Schule in Kohnsen gehörte. Und kirchlich hielten sich die Einwohner des westlichen Ortsteils nach Oldendorf, die des östlichen Teils nach Hullersen. Obwohl diese Zweiteilung schon im Jahre 1859 aufgehoben wurde, vollzog sich erst im Laufe der nächsten Jahrzehnte eine vollständige Vereinigung der Gemeinde. Nachdem beide Ortsteile im Jahre 1873 zu einer Schulgemeinde zusammengeschlossen wurden und 1904 einen gemeinsamen Friedhof erhalten hatten, erfolgte schließlich im Jahre 1913 auch die kirchliche Zusammenlegung; damals ist der östliche Ortsteil von Hullersen abgetrennt und ebenfalls der Oldendorfer Kirche angegliedert worden.

Die Holtenser Schule wurde seit 1876 auch von Schulkindern von der Juliusmühle besucht und erhielt bereits ein Jahr später einen Neubau, dem schließlich im Jahre 1952 das heutige Schulgebäude folgte. Es liegt bereits außerhalb des alten Dorfkerns am nordwestlichen Ortsrand, wo letzthin über sechzig neue Siedlerstellen entstanden sind. Denn Holtensen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich vergrößert und zählt heute rund siebenhundert Einwohner; vor dem letzten Weltkrieg waren hier erst 370 Einwohner ansässig. Ausschlaggebend für diese positive Bevölkerungsentwicklung ist vor allem das Vorhandensein von Industrie (Kettenfabrik) in der Holtensen angeschlossenen Ortschaft Juliusmühle, dann aber auch die Nähe der Kreisstadt Einbeck. Holtensen besitzt deshalb zahlreiche Ein- und Auspendler.

Mithin ist hier der Trend zur Industriegemeinde besonders deutlich, wenngleich die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe deswegen nicht geringer geworden ist: heute werden noch zwölf Höfe von zum Teil bis 400 Morgen Größe bewirtschaftet, und neben zahlreichen Modernisierungen im Ortsbild sowie besonderen dörflichen Einrichtungen wird der alte Ortskern weiterhin vom landwirtschaftlichen Charakter bestimmt. Am 1. Februar 1971 hat sich die Gemeinde Holtensen freiwillig in die Stadt Einbeck eingegliedert.